Allgemein, Leben

Ein Leben als Underachiever.

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Derzeit bin ich viel am aufarbeiten, nicht nur von Ereignissen aus meiner Schulzeit oder der als Kind/Jugendlicher, sondern versuche ich auch Zusammenhängen zu verstehen die dort wurzeln und mir im Heute noch Probleme bereiten.

Das ich eine Lernblockade habe und nie gelernt habe zu lernen oder mich für Prüfungen richtig anzustrengen, das weis ich bereits. Soweit bin ich schon.

Doch warum ist das so?

Warum bin ich so rastlos und trotz vielseitiger Interessen nicht fähig diese voll auszuleben?

Und viel wichtiger, wie bekomme ich das jetzt in den Griff, um selbst meinen Weg erfolgreicher und mit mehr Lebensfreude gehen zu können?

Durch Zufall stieß ich somit auf dieses Buch* von Andrea Schwiebert :

Kluge Köpfe, krumme Wege?: Wie Hochbegabte den passenden Berufsweg finden von [Andrea Schwiebert]

 

Je mehr Begabung, desto steiler die Karriere? Viele (oft unwissentlich) hochbegabte oder vielseitig talentierte Menschen erleben genau das Gegenteil. Sie sind mit ihrer Arbeit unzufrieden und suchen immer wieder nach dem passenden Platz im (Berufs-)Leben. In diesem Buch wird deutlich, wie sich Hochbegabung bei Erwachsenen zeigen kann und welche Stolpersteine damit verbunden sind. Lassen Sie sich durch anschauliche Beispiele und wirkungsvolle Arbeitsanregungen zu einem Prozess der Selbsterkenntnis und inneren Befreiung inspirieren. Und verwandeln Sie Stolpersteine in Grundsteine für einen erfüllten Berufsweg.
„Gerade hochbegabte Menschen, die so viele Möglichkeiten haben, sehen oft den Wald vor lauter Bäumen nicht. Es fällt ihnen schwer, ihre Berufung zu finden. Das muss nicht so bleiben, denn dieses Buch bietet praktikable Lösungsansätze, die individuell auf das eigene Leben übertragen werden können.“
(Anne Heintze, Autorin des Buches Außergewöhnlich normal und Coach für Hochbegabte)

Ich habe mir eine Leseprobe heruntergeladen und beim Lesen musste ich tatsächlich weinen. Über 80% habe ich blau markiert, weil ich mich darin 100%ig wiederfand. Das Buch hätte für mich geschrieben worden sein können.

Nun da ich nicht zu den „jungen Genies“ gehörte, welche ihren Weg über das Gymnasium mit Leistungskursen und Konzertauftritten gefunden haben, so wie man es sich allgemein unter „hochbegabt“ vorstellt, verlief mein Weg ganz anders.

Durch dieses Buch hab ich erkannt, dass es noch viele andere Möglichkeiten der Hochbegabung gibt und sie auf unterschiedlichste Art und Weise gelebt und erfahren wird. Auch, dass die Wege von Hochbegabten zumeist ganz und garnicht in einer geraden Linie verlaufen.

Vor allem in der Kindheit/Jugend (wenn die Hochbegabung nicht erkannt wird), passt man sich viel zu schnell gezwungermaßen der eigenen „Clique“ und dessen Bildungsstand an und bleibt somit oft weit unter dem eigenen Potenzial, nur um ja nicht negativ aufzufallen oder sogar aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden. Wenn man dazu noch hochsensitiv veranlagt ist, fällt man unbewusst in eine Depression und entwickelt ein extrem geringes Selbstbewusstsein. In dem man sich dieses Verhalten weiter antrainiert, rutscht man fast automatisch in ein Leben als „Underachiever“ (unter den eigenen Möglichkeiten bleiben) …

Dieser Automatismus, ja nicht aufzufallen oder sogar die Scham davor etwas möglicherweise besser zu können als andere, die steckt dann sehr tief. Viele erkennen dadurch (wenn überhaupt) erst spät, im Erwachsenenalter, das sie eigentlich hochbegabt sind und entdecken die Zusammenhänge zwischen ihrer Hochbegabung und den Problemen in der Kindheit/Schule.

So war auch mein Weg und es was definitv nicht einfach.

Während der Grundschulzeit, als wir die ersten Zahlen lernten habe ich aus Spaß die Zahlen teilweise spiegelverkehrt geschrieben. So durften nur bestimmte Zahlen sich direkt ansehen  z.B. die 1 und die 3, aber nicht die 4 und die 5, dafür aber wieder die 2 und die 4. Mir machte es einfach Spaß die Zahlenreihen in einer eigenen Art von logischer Reihenfolge zu gestalten. Meine Mum war daraufhin recht verzweifelt und hatte sogar mal bei einem Gespräch mit meiner Oma darüber geweint und dachte ich hätte eine Lernschwäche in Mathematik. Auch wenn ich  noch recht klein war, nahm ich mir das sehr zu Herzen und sagte zu ihr: „Mama mach dir keine Sorgen mehr, ich mach das mit Absicht und schreib sie ab jetzt wieder richtig rum.“ Somit lies ich das auch sein.

Später habe ich mich mit meiner Mathematiklehrerin angelegt, weil ich beim Dreisatzrechnen einfach die Rechenwege vereinfacht dargestellt hatte und somit nur die richtige Lösung angab. Die Folge war eine schlechte Note, weil sie mir nicht geglaubt hat, dass ich es verstanden habe, obgleich ich es ihr hinterher erklärt habe, wie einfach doch der Rechenweg von mir wäre.

Der Satz: „Sie könnte alles schaffen, wenn sie nur wollte…!“ hat mich ständig begleitet, nicht nur von meinen Eltern, sondern auch von einigen Lehrern. In der Schule war ich aber immer viel zu leicht abgelenkt oder gelangweilt und durch das selbst erzwungene Underachieverdasein, zeigte man auch nie herrausragende Leistungen bzw. vermied dies strikt. Man wollte kein unbeliebter „Streber“ sein.

In einem älteren Beitrag hatte ich ja schon erwähnt, dass ich in der Schulzeit von  meiner Clique eher so Sprüche im negativen Ton vor den Latz bekam: „Pff, du bekommst doch eh wieder ne 1 oder 2… / eine Ehrenurkunde (Sport)…“. Im Sinne von: du bist anders als wir, du bist „im negativen Sinne“ etwas besseres als wir.  Dieses Gefühl war mein ständiger Begleiter.  Also was tut man als Kind? Man passt sich an. Man schreibt mit Absicht ne 3 oder 4 und lässt andere somit in einem bessern Licht erscheinen und macht nicht mehr im Sport mit ( ich habe mich die letzten 2 Schuljahre per Attest vom Sport befreien lassen) und man versucht sich zu verstecken – bloß nicht auffallen. Die Folge war eine lange Phase der Depression in meiner Jugend, teilweise habe ich mich noch nichtmal alleine getraut einkaufen zu gehen und ein bis ins Erwachsenenalter geringes Selbstbewusstsein. Ich wusste nie, was mit mir nicht stimmt, woran es lag. Ich hatte nur immer das Gefühl anders zu sein und das machte mich traurig.

Aus Spaß hatte ich damals mit 13-14 auch einen IQ-Test gemacht (da war das noch nicht so geläufig mit „Hochbegabung“) und bekam ein Ergebnis von ca. 137 raus. Nun, ich hab dem nicht viel beigemessen, da ich mich ja eher klein halten wollte und das käme bei den Freundinnen ja nicht gut an. Auch die ganzen bestandenen Prüfungen habe ich immer als Glück abgetan, nie als eigenes Können. Da ich nie wirklich viel (meistens sogar garnicht) dafür gelernt hatte, sah ich es auch nie als meine persönliche Leistung an bestanden zu haben. Das tue ich auch heute noch nicht wirklich. Somit verging der Quali/Hauptschule, M10 Realschule, Berufsabschluss, Führerschein und Fachhochschulreife. Im Prüfungsjahr der Fachhochschulreife hatte ich sogar 3/4 vom Jahr per Attest gefehlt ( einfach weil ich lieber WoW gespielt hatte und frisch verliebt war…), ich weis bis heute nicht, wie ich diese Prüfung bestanden habe. Auch werde ich im nachhinein wohl nie erfahren, welche „Bestnoten“ ich hätte erreichen können, wäre mein Weg ein anderer gewesen.

Und jetzt rauszufinden, dass man zu diesem Personenkreis gehört und sich damit langsam anzufreuden, es zu aktzeptieren ist ein großer Schritt.

Es ist nicht leicht, aber es ist auch ein Weg zu sich selbst. Persönlich lernt man sich selbst besser kennen und anzunehmen, es ist ein Prozesse der alte Muster aufbricht. Ich darf gut oder auch besser sein,  ich darf auch stolz auf mich sein und es ist gut etwas zu können – unabhängig von anderen Menschen, einfach für sich selbst!

Heute habe ich auch ein sehr gutes Video von Jamila Vidas zum Thema „Verdummungsstrategien von Hochbegabten“ gesehen und mir hat das Beispiel mit dem Rennpferd sehr gut gefallen.

Sie vergleicht dabei die Hochbegabung mit der Fähigkeit eines Rennpferdes sehr schnell laufen zu können. Es möchte von natur aus einfach nach vorne sprinten und rennen. Doch wenn es das tut, hängt es seine Herde ab und muss sich somit selbst ausbremsen, um nicht den wichtigen Anschluss an die Gruppe zu verlieren. Es bleibt somit unter den eigenen Möglichen und lebt das eigene natürliche Potenzial nicht aus. Somit unterdrückt es sich selbst und das eigene Können. ( Underachiever).

Zusätzlich möchte ich mich ganz herzlich bei Lisa-Marie Diel bedanken. Sie hat mich in der Facebookgruppe etwas an die Hand genommen und mir gezeigt, dass es völlig ok ist, so wie ich bin und meine Geschichte genau so eine Sinn ergibt. Zudem zeigte sie mir über ihre Webseite* , wie ich mit meinen Problemen als Underachiever am besten umgehen kann. Danke Lisa-Marie, das hat mir wirklich sehr viel geholfen!

Diesen Teufelskreis gilt es nun zu durchbrechen. Sich selbst anzunehmen, auch mit einer Hochbegabung und/oder Hochsensitivität/Hochsensibilität. Lernen damit richtig umzugehen. Das eigene Selbstbewusstsein zu stärken und den Mut zu finden das eigene Potenzial zu erkunden und auszuschöpfen. Lebensfreude zu spüren und Freude am eigenen Können zu entwickeln.

Anders zu sein, heisst nicht gleich – alleine zu sein!

Liebe Grüße und bleibt schön gesund!

Signarita

 

 

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2 Gedanken zu „Ein Leben als Underachiever.“

  1. „Sie könnte alles schaffen, wenn sie nur wollte…!“ Diesen Satz bekamen meine Eltern auch regelmäßig im Schulzeugnis zu lesen. Mein Problem war nur: ich wusste nicht wie. Ich hatte ebenfalls nie das Lernen gelernt und war als Kind natürlich auch völlig ratlos, wie ich das nun anstellen sollte. Das habe ich schließlich mit Mitte 20 „nachgelernt“. Das war ein Prozess, der sich über ein paar Jahre zog, mir das Leben aber deutlich vereinfacht hat.

    Toll, dass du mit deinem Blog über die Underachieverproblematik und deine Erfahrungen aufklärst. So viele stecken darin und geben sich selbst die Schuld an ihren Leistungen. Doch sie können nichts dafür. Die Umstände haben nicht gepasst und vielleicht haben sie die ein oder andere dumme Entscheidung getroffen. Aus erst einmal manifestiertem Underachievement entwickelt sich ein Teufelskreis, aus dem man alleine – gerade als Kind – nicht herauskommen kann. Das hinterlässt Spuren, die bis weit ins Erwachsenenleben reichen.

    Spannend finde ich, dass bei dir der Grundstein dafür durch die soziale Anpassung gelegt wurde. Das war bei meiner Mutter ebenso. Sie bereut es einerseits auch nicht, weil sie dadurch eine sehr viel leichtere Kindheit hatte. Andererseits hat sie auch nie die „große Karriere“ gemacht, das hat sie schon öfter betrübt. Für mich als Kind war das allerdings ein riesiger Pluspunkt, da sie so ihre Aufmerksamkeit auf die Familie gelegt hat. Ich brauche noch heute in sehr ausgeprägter Form meinen „sicheren Hafen“, da hat mir das natürlich enorm gut getan. Daher ist es auch immer so wichtig, alle Facetten und Auswirkungen eines Problems zu betrachten. Manchmal liegt auch im Leid ein Geschenk, was man gar nicht auf den ersten Blick erkennt.

    Gefällt 1 Person

    1. Hej Lisa-Marie !

      Danke für deine Antwort! Schön, dass du für dich auch deinen Weg gefunden hast und du deine HB annehmen konntest, du hast es sogar geschafft das Lernen zu erlernen. War sicherlich kein einfacher Weg.

      Ich gebe dir absolut Recht, dass alles seinen Sinn im Leben hat und es bringt auch nicht das „was wäre gewesen wenn..“-Spiel zu spielen oder sich / oder anderen deswegen Vorwürfe zu machen. Ob meine Kindheit, wie die deiner Mutter, deswegen leichter war, kann ich nicht sagen. Sie war auf ihre Art einfacher, das auf jedenfall, aber unwissentlich litt man dennoch bereits da an den Folgen des Underachieverdaseins. Das mit dem „sicheren Hafen“, da stimmte ich dir auch zu. Man wird dadurch sehr harmoniebedürftig und möchte ein liebevolles und verständnisvolles Umfeld um sich haben und gibt das so auch an die eigenen Kinder weiter.

      Als ich den Beitrag geschrieben habe ( ich hatte schon einmal etwas ähnliches verfasst vor einiger Zeit ), war ich wieder extrem unsicher. Jedwede Form des “ sich eingestehens“ der eigenen Hochbegabung oder der „öffentlichen Zurschaustellung“ ( selbst wenn es absolut nicht negativ gemeint ist), erweckt bei mir sofort eine Art von Scham. Andere könnten denken man würde sich für etwas Besseres halten und damit angeben wollen. Also habe ich so gut es geht vermieden über dieses Thema zu schreiben, obgleich es ja all die Probleme erklärt die ich habe und dessen Zusammenhänge ich nun erst dadurch richtig verstehen konnte. Naja, bis jetzt eben. Ich versuche alle Aspekte meiner Persönlichkeit anzunehmen und an mir zu arbeiten, auf das alles ein großes Ganzes ergibt und man einfach die sein kann, die man ist! 🙂

      Ich habe meine Beitrag noch um deine Seite ergänzt, da ich diese erst hinterher von dir empfohlen bekam, aber nun wirklich dankbar dafür bin!

      Ganz liebe Grüße und bleib schön gesund!

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